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Pressespiegel

Anfassen erwünscht – Die Welt, 28. Mai 2013

Neue Ausstellung im Kölner Stapelhaus präsentiert Kunstwerke für Blinde

VON ANGELIKA STAUB
Hoch konzentriert ertastet Detlef Heiler ein großes, rotes Bild. Begleitet hat ihn ins Stapelhaus seine Frau. Sie kann sehen, er nicht. Beide interessiert die „Art Blind“ gleichermaßen brennend: Eine Ausstellung in der Altstadt von 16 blinden und sehbehinderten bildenden Künstlern. Sie stammen aus neun Nationen. Immer wieder steckt das Kölner Paar die Köpfe zusammen und tauscht flüsternd Eindrücke aus. „Dass das Bild rot ist, kann ich natürlich nicht herausfinden“, erklärt Heiler. Für ihn ist die internationale Ausstellung eine Rarität. Hier kann er sich ausnahmsweise selbst ein Bild auch von den visuellen Künsten machen, sie anfassen. Seine Frau ist begeistert: „Unsere Interpretationen laufen oft auf das gleiche Ergebnis hinaus, auch wenn er die Ausstellungsstücke nicht sieht.“ Detlef Heiler erklärt: „Wenn sich das Bild rau, hart und pickelig anfühlt, drückt es Schmerz aus.“ Nach mehreren Stunden im großen Ausstellungsraum steht für das Kölner Paar fest: „Wir müssen wieder kommen.“ Es gebe noch viel zu entdecken. Ob die beiden auch in der Tastgalerie waren? Sie lädt insbesondere sehende Besucher ein, die Hände durch weiß verdeckte Greiflöcher zu stecken, dann die unsichtbaren Skulpturen dahinter zu erfassen. Ein Wechsel hinter die Trennwand offenbart, wie unterschiedlich die tastenden Hände arbeiten: manche hektisch, andere geduldig. Auch die rosafarbene, beinah herzförmige Steinskulptur „Durchscheinend“ lässt zwangsläufig viele Streicheleinheiten über sich ergehen. Sie gehört Karla Faßbender aus Alfter. Die blinde Künstlerin ist umringt von Bekannten und Freunden. Sie kann ihr Glück noch kaum fassen. Waren doch 65 Bewerbungen bei der Jury eingegangen und bekamen nur 16 Künstler den Zuschlag. Vor acht Jahren hat Faßbender die Kunst als Tor zur inneren Ruhe entdeckt. Die 63-Jährige arbeitet am liebsten abstrakt und mit Speckstein. Abschließen kann sie ihre Werke erst, „wenn die Einheit vollkommen ist“. Darüber entscheidet ihr Tastsinn. Die Lautstärke im Ausstellungsraum nimmt zu. Viele Gespräche laufen. Ein anerkennendes Lächeln alleine erreicht die Künstler aus Deutschland, Europa und den USA nicht. Es müssen schon Worte sein, will man sich äußern zum weißen Ballett aus Keramik, den pigmentierten Landschaften, der Verführung aus Holz, dem gehäkelten Spiegelei in eben solcher Pfanne oder dem Kuss aus weißem Stein. Vor der mächtigen Ikarus-Skulptur aus Wachs und Federn stehen auffällig viele Gäste. Manche von ihnen verschwinden nach einer Weile wenige Meter entfernt hinter einem schwarzen Vorhang. Wer ihn zur Seite schiebt, steht in einer Dunkelkammer, von deren Decke im UV-Licht „Jungenabenteuer“ baumeln: Trompete, Fahrrad, Würfel und vieles mehr. Zurück im Neonlicht hellen Raum fallen gerahmte Bleistiftzeichnungen auf. Sie sind ausnahmsweise nur visuell erfahrbar. Eine Audiodeskription versucht, die Barriere für blinde Menschen auszugleichen. Inklusion auf der „Art Blind“ wird groß geschrieben: Zweisprachig und für blinde Menschen in Braille-Buchstaben sind die Werke beschriftet, Führungen finden auch in Gebärdensprache statt und Rollstuhlfahrer können hindernisfrei zu den 48 Exponaten gelangen. Blinde Gäste orientieren sich an den aufgeklebten Bodenmarkierungen.
Die große Barrierefreiheit ist der Hauptgrund, weshalb Dr. Siegfried Saerberg, ebenfalls blind, mit Stolz dem Treiben lauscht: „Die Ausstellung ist einmalig.“ Er hat sie für den Blinde und Kunst e.V. kuratiert. Geht es nach Saerberg, sollten sich die Kölner Museen den blinden und sehbehinderten Menschen mehr öffnen. „Es gibt so viel gute Kunst, die in den Depots der Museen schlummert“, sagt er. „Warum kann man nicht wenigstens sie betastbar machen?“

 

Wunderwelten des geistigen Auges – Kölner Rundschau, 15. Mai 2013

Die Ausstellung „Art Blind“ zeigt Werke bildender Künstler, die nicht sehen können.

VON WERNER GROSCHE
Eckhard Seltmann war Kunstlehrer. Vor 25 Jahren, mitEnde 30, ist er erblindet. „Danach ging jahrelang nichts mehr, ich habe mich ganz aufs Schreiben verlegt“, erzählt er. Erst eine neue Partnerin, die er nach der Erblindung fand, ermutigte ihn, nach zehn Jahren wieder die Stifte in die Hand zunehmen. Sie schenkte ihm einen neuen Kasten mit professionellem Werkzeug. Seltmann, der neben Kunst auch Industriedesign studiert hatte, wollte nicht, wie andere Blinde, dreidimensional und mit schweren Materialien wie Stein und Holz arbeiten. „Mich hat immer das Zeichnen gereizt, und so ist es bis heute.“„Krikel-Krakel“ nennt er seine Zeichnungen lachend selbst, ungeachtet der Empörung seiner Partnerin. Eine Art Schablone, ein verschiebbares Passepartout, hilft ihm beim Aufbau des Bildes. Seltmann staunt darüber, wie oft sich die Vorstellungen, die er sich von seinem Bild gemacht hat, mit den Wahrnehmungen derer decken, die sie schließlich sehen können. Die Kunst, diesein Leben vor der Erkrankungprägte, ist so wieder ein Teildieses Lebens geworden.Visuelle Kunst, die der Künstler selbst nicht sieht. Es ist wie Musik, die man nicht hören kann, wie ein Duft, den man nicht riechen kann.
Das„Sommerblut“-Festival stellt in diesem Jahr radikale Fragen zur Kunst. Zum Programm gehört die Ausstellung „art blind“, in der neben Seltmann 15 weitere Künstler aus Europa und den USA Arbeiten zeigen –oder betasten lassen, per Audiodeskription beschreiben.
Siegfried Saerberg ist Kurator des Projektes. Der Soziologe und Musiker, der selbst blind ist, ist in viele Ateliers gereist,um die Arbeiten der Künstler, die sich für die Ausstellung beworben hatten, berühren zu können. Eine Jury entschied streng über die Auswahl unter 65 Kandidaten. „Wir wollen schon Niveau präsentieren,wollen abstrakte Dimensionen,die über bloßes Nachbilden hinausgehen“,sagt Saerberg, der hofft, dass das Kölner Projekt die Idee der Teilhabe aller an der Gesellschaft fördert.
Museen sollten öfter Audiodeskriptionen anbieten und das Berühren der Werke erlauben. „Die Kunst sollte zugänglicher werden. Denn viele blinde Menschen interessieren sich heute mehr als früher für die allgemeine Kultur und wollen wissen, was einen Rembrandt von einem Picasso unterscheidet.“
Zur Ausstellung „art blind“ gehören Zeichnungen, Malerei,Skulpturen und Installationen. Besonders am Herzen liegt Saerberg ein Künstler, der schon vor 14 Jahren gestorben ist: Flavio Titulo. „Er ist als Blinder mit schwerem Gerät durch Steinbrüche gezogen, hat große Skulpturen entworfen und mit seinen Arbeiten auch Anerkennung in der allgemeinen Kunstszene gefunden“, berichtet der Kurator. Heute aber sei er schon wieder weitgehend vergessen. „Eine Skulptur von ihm haben wir in einer Kiste irgendwo hinten im Atelier eines befreundeten Künstlers in den Niederlanden gefunden“,erzählt Saerberg.Wider das Vergessen und wider die Gewohnheit. Die Ausstellung ist für das sehende Publikum ein ungewöhnliches Experiment. In dieser Form und Größe hat es noch nichts Vergleichbares in Deutschland gegeben. Es geht um das Abweichen von der „sensorischen Routine“, wie es die Initiatoren der Ausstellung beschreiben. Bilder werden zu taktilen Objekten, Zeichnungen zum akustischen Erlebnis.

 

Ein Kessel Buntes im Stockdunkeln, Kölner Stadtanzeiger, 25. Mai 2012

Sommerblut-Festival „Blinde und Kunst” veranstaltet ein intensives Konzerterlebnis

VON MARTIN BOLDT
Der von Kritikern gern angebrachte Satz, “Sie beherrschten ihre Instrumente blind”, erhält am Montagabend im Studio 672 im stadtgarten eine völlig neue Bedeutung. Der “Blackout”, wie das Event vom Sommerblut-Festival betitelt wird, ist Programm: Nicht nur die Bühne, auch das Publikum ist in rabenschwarze Finternis gehüllt. Nicht der kleinste Lichtstrahl dringt in den Saal, als Katharina Saerberg an der Bratsche und Alex Goretzski am Piano das Konzert eröffnen – dafür haben die Künstler im Vorfeld gesorgt.

Auf gleicher Augenhöhe
“Solche Blackout Session machen wir immer mal wieder”, erklärt Siegfried Saerberg. Mit ‘wir’ meint er sich und die anderen Mit  Mitglieder von “Blinde und Kunst”, einem Kölner Verein, der es sich seit 20 Jahren zur Aufgabe gemacht hat, mit verschiedenen Kunstaktionen eine Brücke zwischen Blinden und Sehenden zu bauen. “Indem wir unsere Veranstaltungen im Dunkeln stattfinden lassen, können wir uns auf gleicher Augenhöhe treffen. “Weil bei “normalen” Menschen mit dem Ausbleiben von Licht schnell auch die räumliche Orientierung schwindet, ergibt sich dabei sogar öfterdie wohltuende Situation, dass auch die Sehbehinderten einmal in die Rolle des Helfers schlüpfen können. “Wir führen die Besucher bereits im Dunkeln auf ihre Plätze und unterhalten uns mit ihnen. Man lernt so neue Leute kennen, die einen im Alltag vielleicht niemals angesprochen hätten”, sagt Saerberg. “Blinde und Kunst” ist jedoch kein exklusiver Club, auch Künstler ohne Behinderung sind gern gesehen. Sie stellen derzeit etwa die Hälfte der 30 Mitglieder.
In der Praxis, wie bei der kleinen und vollgestellten Bühne des Studios 672, wird das schnell zu einer kleinen Herausforderung. “Sicher läuft nicht alles so perfekt, wie auf einer sehenden Bühne. Es gibt schon einmal eine kleine Kunstpause, wenn jemand noch nach seinem Mikro sucht. Aber es macht uns Spaß und ist eine ehrliche Sache. Unsere eigenen kleinen Blackouts sind im Prinzp Teil der Show.”
Das eigentliche Programm, das den Zuhörern geboten wird, ist ein netter Kessel Buntes. Die blinde Sängerin Andrea Eberle singt auf Deutsch frisch von der Leber über Beziehungsstress und heitere Alltagsmomente. Dass sie den erbetenen Chor zum Refrain von “Wieder gut” überaus lautstark erhält, verwundert nur wenig. Im Schutze der Dunkelheit hat plötzlich niemand mehr Angst davor, sich vor seinem Sitznachbarn zu blamieren. Wie in den afrikanischen Urwald versetzt fühlt man sich, als die Trommelgruppe “Taktlos” den Saal mit wilden Rhythmen in einen tranceähnlichen Zustand  versetzt.
Wieder zurück im Hellen, geben sich die Besucher beeindruckt von dem ungewöhnlichen Erlebnis: “Ich hatte den Eindruck, die Musik auf besondere Weise wahrzunehmen. Die Vibrationen der Trommeln waren viel intensiver”, schildert Ingrid Hilmes ihre Eindrücke während des Konzerts. “Es war ein interessantes Erlebnis. Dass es Stühle gab, an die man sich klammern konnte, hat in gewisser Weise beruhigend gewirkt”, findet Zubair Kunze.

 

Gefühlte Eindrücke in der Kirche - Kölnische Rundschau, 31.01.2011

Projekt des Vereins „Blinde und Kunst” in St. Georg am Waidmarkt

VON MIRA LANGEL
Wie kann ein Blinder Kunst für Gehörlose machen? Diese Frage beantwortete am Samstag der Verein „Blinde und Kunst” in der Kirche St. Georg am Waidmarkt. Während der blinde Soziologe und Künstler Dr. Siegfried Saerberg schilderte, wie er den Innenraum einer Kirche ertastet und dabei die Glocken läuten spürt, übersetzte die Hörgeschädigtenpädagogin und Diözesanreferentin Dr. Julia Mergenbaum das Gehörte in die Gebärdensprache. Doch auch in die andere Richtung fand Kommunikation statt: In zwischendurch eingespielten Sprachbeiträgen schilderten Gehörlose ihre gesehenen und gefühlten Eindrücke in der Kirche. Saerberg erklärte seinen verblüfften Zuhörern, wie er und ein gehörloser Freund sich gegenseitig Kurznachrichten auf dem Handy schicken – im Zeitalter der Kommunikation natürlich nur eine Frage der Technik: Eine spezielle Software liest ihm einund ausgehende Nachrichten vor, seine Tastatur ist mit Blindenschrift ausgestattet.

Auf musikalischer Ebene gelang die Verständigung ebenfalls: Die blinde Sängerin Leslie Mader bezauberte durch eine virtuose Darbietung des Lieds „Amazing Grace”, das auch in Gebärdensprache übersetzt wurde, Melanie Noske spielte an der Orgel. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Projekts „Ohrenblicke – Radio von Blinden” statt, das der Kölner Verein „Blinde und Kunst”, seit 2008 begleitet. Gefördert durch die EU arbeiten Blinde und Sehende dazu gemeinsam 30 künstlerische
Audioproduktionen aus, die über freie Medien im EU-Raum verbreitet werden. Der Vorsitzende des Vereins Raimund Ollinger erklärte, dass es ihm um die „Bewegung der Blinden vom Rand der Gesellschaft auf deren Zentrum zugehe.
So ist die akustische Darstellung von Kunst nur ein Schwerpunkt des von der EU geförderten Projekts „Ohrenblicke”, das auch die beruflichen Chancen von Blinden verbessern will.

 

Die Welt mit allen Sinnen sehen – WAZ, Mittwoch, 26. Mai 2010

Fangesänge, Trommeln, Schreie, Pfiffe, Jubel, Applaus. So klingt der Lieblingsplatz ei­nes Menschen in der Ausstel­lung „Blinde Flecken”, die noch bis zum 29. Mai im De­pot zu sehen ist: Der Verein „Blinde und Kunst” will Se­hende und Sehbehinderte ei­nander näher bringen.

Das Stadion. Oder auch der Sessel, von dem aus eine laute Uhr zu hören ist. Oder der Bootssteg. Die Lieblingsplätze der Blinden- und Sehbehin­derten, die für die Ausstellung befragt wurden, sind so facet­tenreich, wie die Menschen in­dividuell. Ungewöhnlich ist al­lerdings die Art, wie die Besu­cher von diesen Orten erfah­ren können: Große, bunte Bo­xen können sie in der Mittel­halle betreten – und hören, wie es klingt, was andere lieben. Ein Plädoyer, die Welt nicht nur mit den Augen zu sehen.

„Es gibt so viele Unsicher­heiten, was Blinde wahrneh­men können und was nicht”, sagt Arne Siebert vom Verein Blinde und Kunst. „Ich bin si­cher, dass die Ausstellung da­bei helfen kann.” Er selbst liebt einen Park in Bonn, mag es, in Straßencafes Menschen zu hören. Orte sind für ihn eben­so wiedererkennbar, wie für Sehende. „Die Ruhrpottler sind klasse”, befindet er zum Beispiel über Dortmund.

Anregen möchte die Aus­stellung auch, das Thema Blin­de Flecken philosophisch zu betrachten – und damit bei sich selbst anzukommen.

 

Aus Junge Kunst vom Februar 1998, “Blinde und Kunst e.V. von Engelbert Broich:

Blinde und Kunst e.V.

Ein Erlebnisparcours für Sehende und Blinde zeichnet indi­rekt für das Zustandekommen des Vereins Blinde und Kunst e.V. verantwortlich. Siegfried . Saerberg, 1961 sehbehindert geboren, mit Zwanzig erblindeter Philosoph und Soziologe, war einer der Organisatoren der 1992 in Hamburg durchge­führten Aktion „Dialog im Dunkeln”. Deren Verlauf ließ in ihm die Idee eines Projekts „Blinde und Kunst” keimen, und im selben Jahr wurde mit Gleichge­sinnten in Köln dessen Gründung vollzogen.

Angestrebt wird die Verwirklichung folgender Ziele: Blinden KünstlerInnen aller Sparten soll ein Forum geboten, Kunst für Blinde zugänglich, die Öffentlichkeit auf die besondere Problematik aufmerksam gemacht werden. Man hofft mittels der Kunst Sehenden die Erlebnis- und Gestaltungsdimensionen von Blinden näher bringen, Blinde und Sehende zusammenführen zu können. „In diesem Kontext wurden außergewöhnliche Veranstaltungskonzepte entwickelt”, so Saerberg. „Blackout”, eine Mi­schung aus Dunkelshow und -party mit Tresenbetrieb, Live-Musik (Klassik, Blues, Jazz) und Literaturlesung, die erstmals 1993 im Hamburger Szene­Theater foolsgarden” stattfand. Mit Beteiligung Dritter startete 1995 die „Sinnenfinstermis”, eine Kunstausstellung in absoluter Dunkelheit, und 1997 öffnete das „Café Finsternis” auf den Südwestfunk-Hörspieltagen in Freiburg seine Türen.”

Zur Zeit gehören dem Verein unter Vorsitz des Kölner Rechtsanwalts Stefan Rappen etwa 25, je zur Hälfte t blinde und sehende Mitglieder an; Musikerinnen, Sängerinnen, Schrift­stellerinnen und eben Künstlerinnen. Darunter der 67jährige, späterblin­dete, in Speckstein, Keramik und Alabaster arbeitende Rudolf Petersen aus dem norddeutschen Buchholz. Ebenso Jutta Keul aus Kassel, 1957 ebendort geboren. Vor ihrer Erblindung mit dreißig Jahren als Fotografin tätig und im Bereich Keramik/ Malerei aktiv, setzte sie anschließend nicht nur das Töpfern zumeist gegenständlicher Tonware fort. Außerdem entwickelt sie
(halb)taktile Materialbilder, malt in unterschiedlichen Techniken. Als einzige blinde bildende Künstlerin nahm sie 1995 an der Premiere von „Sinnenfinsternis” in Bergisch Gladbach teil.

Zustande kam das Projekt durch die Kooperation des Arbeitskreises der Künstler aus dieser Köln benachbarten Stadt mit dem Verein Blinde und Kunst. Die dreiwöchige Exposition in völliger Dunkelheit unter Beteiligung von Rückriem und Nierhoff umfaßte Plastiken, Installationen verschiedenster Art, darunter solche mit Klang-, Geruchs-und Geschmackselementen „Exponate für solche Aktivitäten”, betonte Saerberg, „müssen Berührung verkraften können, dürfen Besucher nicht gefährden.”
Favorisiert werden daher gesicherte Arbeiten aus Stein und Metall.

„Die Sehenden nehmen das Angebot der jährlich rund neun, von einem Tag bis drei Wochen dauernden Veranstaltungen gut an’, berichtet Saerberg. Insbesondere bei Schulklassen erfreuen sich die „Erlebnis”-Ausstellungen in Dunkelheit großer Beliebtheit. Köln und Hamburg bilden die eigentlichen Veranstaltungszentren des Vereins. Gastspiele gab es jedoch auch schon in Bremen, Freiburg, Hannover, Hildesheim, Krefeld, Oberhausen und Wuppertal. Dreimal jährlich erscheint das Hör-Magazin „Blinde und Kunst”, dessen Vergabe noch auf die Mitglieder beschränkt ist. Es dient der Dokumentation und weist auf Veranstaltungen hin.

Saerbergs Zwischenbilanz fällt po­sitiv aus: „Wir bearbeiten ein großes und äußerst interessantes Gebiet.” Je­doch leiden
die Aktivitäten des zudem personell unterbesetzten Vereins unter einer chronisch finanziellen Mi­sere. Beiträge, Eintrittsgelder und Spenden finanzieren den Verein nur ungenügend. So decken Einnahmen bei Veranstaltungen, wenn über­haupt, gerade die jeweiligen Kosten. Selbstredend sucht man daher nach Sponsoren, nicht zuletzt für die Finanzierung eines Preises für blinde bildende Künstlerinnen, dessen erstmalige Ausschreibung für 1999 geplant ist.

 

 

Aus Frankfurter Rundschau vom 15.12.1997, “Perspektive im Café Finsternis” von Karl-Otto Sattler:

“Aufschlussreiches im Café Finsternis, einer verblüffenden Installation in der Freiburger Dependance des Südwestrundfunks (SWF): Hunderte von Besuchern strömen ins Zappendustere, zum Highlight der SWF-Hörspieltage. Was da drei Tage lang “erblindete” sehende und Blinde in einer ungewohnten Situation sagen, wird von einem SWF-Team um den Berliner Autor Joy Markert zu einem Hörspiel verarbeitet. Ein kleines Abenteuer, auf dessen Resultat auch die Macher gespannt sind: die Reaktionen der Mitspieler, des Publikums, sind spontan, eine Art Live-Act ohne Drehbuch. Markert, der mit Friedlinde Betz Regie führt: “Wir thematisieren in unserem Hörspiel den Umgang mit der Orientierungslosigkeit”. Realitätserfahrung ohne Augenlicht: “Ein Hörspiel ist mehr als ein Film ohne Bilder”. Die Idee zu diesem Projekt hatten SWF-Redakteur Thomas Lehner und Siegfried Saerberg vom Verein “Blinde und Kunst” in Köln.

 

Aus WAZ vom 20.11.1996, “Mit Feingefühl eine Fremde Welt ertasten”:

“Unzählige exotische Düfte spielen mit dem Geruchssinn Katz und Maus, während kreischende Affen und Papageien die Orientierung an der Nase herumführen. Eine halbe Stunde tasten, hören, schnuppern und fühlen sich die Besucher durch die stockfinstere Dschungelkulisse, angewiesen auf die Hilfe der blinden Begleiter. Die Phantasie geht durch, und die völlige Hilflosigkeit ist beklemmender als der brüllende Löwe direkt hinter mir. … Die ungewöhnlich und unvergessliche Veranstaltung entstand in Zusammenarbeit des kölner Vereins Blinde und Kunst und der Oberhausener Kulturförderung. Dschunelparties finde im Elsa-Brändström-Gymnasium noch am 22., 29 und 30.11. statt.”

 

 

Aus Süddeutscher Zeitung vom 27.07.1996, “Sehen schützt vor Blindheit nicht” von Detlef Grumbach:

“Diese Veranstaltungen führen Sehende und Blinde gleichermaßen In eine verkehr-te Welt. Die Sehenden tapsen hilflos in einen Raum, verlieren im ersten Moment jede Orientierung und müssen blind vertrauen: Hat der Kassierer den Zwanzigmarkschein erkannt, hat er wirklich ein Fünfmarkstück herausgegeben?
Hinter der zweiten Lichtschleuse sind alle Besucher völlig gleich – mit einem kleinen Unterschied: Für die Blinden ist alles fast normal. Sie haben es gelernt, sich im Dunkeln zurechtzufinden, sich an Geräuschen oder an einem Luftzug zu orientieren, der den Weg zum Ausgang weist. Doch auch sie befinden sich in einer verkehrten Welt, denn hier sind sie es, die, im Unterschied zu ihrer alltäglichen Situation, um Hilfe gebeten werden. Sie führen die Regie, weisen den Weg, geleiten die Gäste zum Tresen und servieren Getränke. Das Vertrauen, das sie ihren sehenden Mitmenschen draußen entgegenbringen müssen, nehmen sie hier entgegen.
… Je mehr man die Augen schließt und in sich hineinlauscht, taucht man in eine völlig fremde Welt ein. Langsam verschiebt sich die Wahrnehmung – man glaubt sogar, sich etwas zurechtzufinden, erkennt Schritt für Schritt Vertrautes wieder. Man macht sich Zusammenhänge bewußt, die man auch sonst wahrnimmt, die man jedoch kaum bemerkt, weil das Auge sie zu unwichtigen Nebensächlichkeiten degradiert. Geräusche haben eine Richtung: Wo ist der Tresen? “Hier”, ruft jemand rechts hinter mir – aber nicht direkt zu mir, sondern schräg an mir vorbei. Wenn die Stimme sich hinter dem Tresen befindet und geradeaus gesprochen hat, gehe ich also ein paar Schritte nach rechts, mache eine viertel Drehung und gehe dann direkt darauf zu. So einfach wäre das gewesen. Wenn da keine Säule stünde. Auf dem Rückweg zum Platz spüre ich den kalten Luftzug vom Eingang. Wie bin ich gegangen, als ich angekommen bin? Und irgendwo muß sich auch der Heizkörper befinden, den ich auf meinem Platz links vor mir spüre. Es dauert ein wenig, aber ich finde ohne fremde Hilfe zurück.”

 

Aus Wochenpost vom 15.5.1996, “Treffen wir uns im Schwarzen” von Raphael Pilscheck:

“Tommy, ganz in knatschendem Leder, nimmt die Bestellungen entgegen. Der Blinde trägt die Biere, Saft- und Sektgläser behende durch die engen Reihen. Robby hilft Tommy. Robby hat eine durchdringende Stimme, wie ein Gangster aus einem amerikanischen dreißiger Jahre Film. Radioreif. Über seiner Stimme liegen Geräusche von Kühen, Pferden und Hähnen. Als alle ihre Getränke haben, beginnt Yank Hawlin zu singen. Es ist Countryblues, tiefer Whiskey gegerbter Blues. Später erzählt Yank, daß es ein ungewöhnliches Gefühl ist, von einem Blinden auf die Bühne geführt zu werden, da die meisten alten Bluessänger blind sind und von einem Sehenden auf die Bühne gebracht werden.”

Aus Hildesheimer Allgemeine Zeitung vom 08.05.1996, “Durch den dampfenden Dschungel der Dunkelheit”:

“Durch den dampfenden Dschungel der Dunkelheit: Neben den Schritten auf hölzernem Grund hört man leises Wassergeplätscher. Grillen zirpen, Dschungelgeräusche aller Art erfüllen den Raum. Eine ganz besondere Dimension bekommt im Dunkeln der Klang des Didgeridoo. Dieses australische Blasinstrument weckt mit seinen dumpfen, archaischen Tonwelten ganz eigenartige, melancholisch-freudige Empfindungen.
Die Performance Blackout bietet für Sehende eine ungeahnt eindrückliche Möglichkeit, einen Schritt in die Welt der Blinden zu wagen.”

Aus allgemeines deutsches Sonntagsblatt vom 08.03.1996, “Irgendetwas gluckst” von Detlef Grumbach:

“Die Geräuschkulisse ist total. Aus allen Richtungen blubbert und plätschert es. Atlantis heißt das Motto des Abends. Wir befinden uns auf der untergegangenen Insel. Ein Walfisch schwimmt vorbei, ein Taucher plätschert über mir, irgendetwas gluckst. Mit den Füßen erkunde ich den Boden. Wir gehen auf Sand, auf dem Meeresgrund.
Je weniger man ins Dunkel starrt, um vielleicht doch einen Blick auf etwas zu erhaschen, je mehr man sich auf Gehör und auf Tasten konzentriert, desto mehr taucht man in eine fremde Welt ein und findet sich langsam in ihr zurecht.”

 

 

Aus Allegra von März 1996, “Ob Du mich siehst ist mir egal, ich hab ein Bild von Deiner Seele” von Raphael Pilscheck:
“Ist jemand neben mir”, fragt plötzlich eine helle Frauenstimme direkt neben meinem Ohr.
Ich beuge mich leicht in die Richtung der Stimme. Die Frau riecht nach Parfüm. Ein herber Duft. Nicht schlecht.Ich dagegen muffele sicherlich nach Rauch. Hätte ich wenigstens mehr Aftershave aufgelegt. Meint ihr Duft mich? Eine Hand berührt mich am Ärmel. Endlich etwas greifbares, etwas, woran meine Sinne sich festhalten können. Wie sie wohl aussieht?

 

Aus Westdeutsche Zeitung vom 12.02.1996, “Begegnung der sinnlichen Art”:

“Unglaublich, wie deutlich und genau man hinhört und hinfühlt – allein bei schon so simplen Sachen wie dem Bestellen eines Bieres.
Körperräume verschieben sich: eine fast intime Nähe zu den Gegenständen und auch zu den fremden Stimmen im Raum stellt sich ein. Bis an die 50 Neugierige stolperten, stießen und tasteten sich ihren Weg durchs Cafe und später zum Zuhörerraum, wo mit Musik- und Sprechdarbietungen noch weitere unglaubliche Klang- und Hörerfahrungen gemacht werden konnten.
Die Performance Blackout war für alle ein wohl einmaliges, kaum in unsere blickzentrierte Sprache zu übersetzendes Erlebnis.”

Aus BILD Hamburg vom 17.01.1996, “Blackout – Kunst in der Dunkelheit” von Deborah Gottlieb:

“Niko, der Zauberer, beginnt mit seiner Show, drückt mir Hut und Zauberstab in die Hand. Etwas flattert um meinen Kopf. Eine Taube fliegt in die Dunkelheit, setzt sich auf meine Hand. Ich lächele in die Finsternis und weiß, Niko merkt es.
Draußen blendet das Tageslicht, und ich ahne, daß wir nicht nur mit unseren Augen sehen können.”

Aus Hildesheimer Allgemeiner Zeitung vom 02.10.1995, “Mit Kunst im Dunkeln voll ins Schwarze getroffen”:

“Aber wo ist eigentlich die Bühne? Die Antwort läßt erstmal auf sich warten. Bis Martin Heim, pardon: Lotte Börtner, die unsichtbare Bühne betrat. Von Alex Goretzki souverän am Klavier begleitet, präsentierte er größtenteils unbekannte Chansons. Zum Glück durfte man sich sein knappes Kostüm nur vorstellen: Er/Sie trug eine Walnußschale mit Schlitz bis zum Knie. Sehr schwungvoll und witzig sang er sich durch den Abend, manchmal als älterer Herr auf der Suche nach dem blonden Traumpartner, dann wieder als “Dame in Aspik”, die sich gelieren lassen muß, um ihrem Freund zu gefallen.”

Aus taz vom 06.07.1995, “Bilder im Kopf, Shanties im Ohr” von Iris Schneider:

“Muscheln knirschen unter den Füßen, Wind weht und das Meer rauscht. Die blinden Führer drücken die Besucher sanft auf die Sitzgelegenheiten: Schlauchboote, Strandkorb und einige Stühle. Nichts, wirklich gar nichts ist zu sehen. Aber aus den Geräuschen, dem Gefühl des Sands unter den Füßen und dem leichten Schwanken des Schlauchbootes formen sich Bilder im Kopf: weißer Strand, blauer Himmel, grünes Meer. Jemand findet eine Ananas, ein anderer öffnet eine Flasche Sonnenmilch, die sofort den typischen Geruch nach Sommer und Baden verströmt. Im allgemeinen Tasten und Erfahrungsaustausch bieten die Gastgeber Getränke feil. Aber wie bezahlen im Dunkeln? Kein Problem, die Experten im Nicht-Sehen erkennen die Zahlungsmittel und geben das Wechselgeld korrekt raus. In diese Atmosphäre mischen sich Klaviermusik und Gesang. Brüchige Stimmen und Mundharmonika sind der richtige Rahmen für Shanties, die das Publikum ungeniert mitsingt.”

Aus Kölner Stadtanzeiger vom 16.06.1995 “Im Dunkeln erhellen sich die Sinne” von Michaela Paus:

 

“Im Museum halten zumeist Schilder mit der Aufschrift “Berühren verboten” die Betrachter auf Distanz. Bei der Ausstellung “Sinnenfinsternis” ist das Berühren der Objekte und Bilder dagegen ausdrücklich erlaubt. Nicht mit den Augen, sondern mit Händen, Nase und Ohren sollen die Kunstwerke erfaßt, gerochen und erhört werden.
Mit der “Sinnenfinsternis” setzen die Künstler der Reizüberflutung, die im Alltag ebenso wie im Museum Tag für Tag die Augen fordert, eine bewußte Reduktion entgegen.
Mit der Dunkelheit der Augen erhellen sich die anderen Sinne. Zwischen dem kühlen Eisenobjekt von Rückriem und den runden Keramiken der blinden Künstlerin Jutta Keul weisen Klanginstallationen den Weg durch die Finsternis. Die Dunkelheit regt die Vorstellungskraft an. Im Kopf erst entstehen die Farben.”

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